Sonntag, 26. Juni 2016

Abschied, Dank und Aufbruch

Am Ende zieht man Bilanz. Zehn Jahre Stadtlohn, zehn Jahre St. Otger. Für mich eine schöne Zeit, eine erfüllte Zeit. Als ich vor zehn Jahren hier angefangen habe, da war ich richtig stolz auf eine so schöne und große Aufgabe.

Was also war gut, was nicht? Was hat geklappt, was ist schiefgelaufen?

In früheren Zeiten war das so: Wenn ein Pfarrer ging, wurde aufgezählt, was er so alles gebaut hatte. Besser gesagt: Was gebaut worden ist in seiner Amtszeit. Weil Seelsorge nicht so leicht zu fassen ist, hat man einfach vom Bauen gesprochen. Wie bei einem Architekten. Das war leichter zu beschreiben, das konnte man sehen, darüber konnte man reden.

Also gut: Meine Bau-Bilanz wäre gar nicht schlecht. Zuerst war der Kirchturm dran, dann der ganze Rest der Pfarrkirche von außen. Es gab eine Menge zu renovieren in Kirchen und Kapellen. Es gab einiges zu gründen wie den K-Punkt. Und erst recht das Otgerus-Haus. Man kann immer mehr davon sehen, und ich bin sicher: Es wird supergut! Richtig viel Freude habe ich an der Krypta.

Das eigentliche Bauen geschieht jedoch woanders: in den Seelen der Menschen. Erwachsenenbildung war mir wichtig, die Glaubensgespräche zum Beispiel. Exerzitien. Pilgerfahrten. Oder die Kommunionkatechese, da haben Anne-Marie Eising und ich besonders die Eltern in den Blick genommen. Sehr wichtig sind mir Liturgie und Predigt. Und Gespräche mit Einzelnen – über ihr Leben, ihre Probleme, ihren Weg mit Gott.

Aber alles mit fortlaufendem Erfolg. Ich kenne viele, die vor zehn Jahren noch da waren; heute kommen sie nur noch nach Lust und Laune. Das tut schon weh! Die meisten kommen nur, wenn sie einen Anlass haben, das regelmäßige Beten fällt faktisch aus. Es ist doch alles sehr unverbindlich geworden. Manche, von denen ich das nie gedacht hätte, sind sogar aus der Kirche ausgetreten.

Bau-Bilanz. Auch in den Kindergärten wurde viel gebaut. Umgebaut wegen der Kinder unter drei Jahren. Zwei neue Kindergärten nach dem Investoren-Modell: dazu muss man entscheidungsfreudig sein. Und erst die neue Waldgruppe! Das Schönste aber, das ich mit den Erzieherinnen bauen durfte, war das katholische Profil – unsere christliche Motivation. Dazu haben wir gearbeitet, uns vergewissert, geschrieben. Damit wir wissen, wer wir sind und warum wir pädagogisch handeln.

Drei Veränderungen haben mir besonders gutgetan. In den ersten fünf Jahren war ich Vorsitzender des Krankenhauskuratoriums. Es war gut, das in andere Hände zu legen. Priester sollen keine Manager sein, und sie sollen nicht so viel weltliche Macht haben. – Auch die Verbundleitung der Kindergärten war eine wichtige Entscheidung. Priester und Kirchenvorstände sind nicht für alles kompetent, man sollte den Fachleuten die Fachleitung überlassen. – Und dann kam Albert Frechen als Verwaltungsreferent. Ihn würde ich am liebsten mitnehmen, aber er will lieber in Stadtlohn bleiben. Das würde ich an seiner Stelle auch tun. – Aber diese drei Veränderungen: Kuratorium, Kindergärten, Verwaltung – haben mich immer mehr zu dem gemacht, was ich sein wollte: Seelsorger.

Obwohl ich auch gerne leite. Denn leiten heißt ja nicht verwalten, sondern gestalten. Leiten heißt, etwas bewegen. Aber eben nicht allein. Ganz besonders am Herzen lag mir unser Seelsorgeteam. Ich denke, wir konnten auf Augenhöhe miteinander sprechen. Es sind tiefe Verbindungen gewachsen, Freundschaften auch. Eine „hierarchiefreie Leitung“, wie Rudolf Kleyboldt immer sagt. Priester, Diakone, Pastoralreferenten, Kirchenmusiker, Küster. Priesterkandidaten, neue Diakone, Pastoralassistentinnen. Alles sehr lebendig, immer etwas Neues.

Dennoch habe ich auch Fehler gemacht, manches ist schiefgelaufen. Es gab Konflikte mit Mitarbeitern. Einiges davon hatte ich gar nicht in der Hand, anderes hätte ich anders machen müssen. So läuft das wohl immer, niemand ist perfekt. Gott sei Dank! Man kann immer nur sich selber ändern, niemals die anderen. Man muss dankbar sein für geglückte Halbheit, mehr geht nicht.

Zur Seelsorge gehört für mich auch das Team im Pfarrhaus. Das Pfarrhaus ist eine Wucht, es gibt nicht viele so schöne Pfarrhäuser im Münsterland. Aber der Bau an sich ist wieder nur die eine Seite. Das Pfarrhaus war mit Freundlichkeit gefüllt, mit Gastfreundschaft und guten Begegnungen. Man konnte stets Gäste empfangen, sich aber auch mal zurückziehen. Das alles habe ich Elisabeth Büssing zu verdanken. Auch sie würde ich am liebsten mitnehmen, aber sie will lieber in Stadtlohn bleiben. Das würde ich an ihrer Stelle auch tun.

Im Pfarrbüro hatte ich nicht nur Sekretärinnen. Sondern auch treue Weggefährtinnen. Die haben mir manchen guten Rat gegeben, ehrlich und wahrhaftig. Ein Netzwerk von Menschen, die es gut meinen.

Schauen wir noch einmal auf die Gemeinde. Alles in allem – es war viel, aber nicht schwer. Es gibt immer viel zu tun, aber es überfordert nicht. Weil so viele mitmachen, angefangen beim Pfarreirat und den vielen Ehrenamtlichen.

Dennoch: Ich konnte nicht alle Erwartungen erfüllen. Wo es um Inhalte ging, um Seelsorge oder Theologie, da war ich gegenwärtig und präsent, da konnte man mir begegnen. Aber Partys, Theken und Kaffeetafeln waren nicht so mein Ding. – Viele brauchten eine Extra-Portion Aufmerksamkeit, manche davon habe ich wohl enttäuscht. Mehr war nicht drin an Zeit und Kraft, und immer mehr vom gleichen macht müde. – Dass wir in Stadtlohn viele Traditionen hochhalten, finde ich gut. Aber Traditionen ohne Inhalt sind Folklore. Dass wir so beharrlich an vielem festhalten, finde ich auch gut. Aber Beharrlichkeit ohne Reflexion macht behäbig.

Wir sind eben alle ganz verschieden: Die einen erholen sich, wenn es um nichts geht, die anderen strengt es an. Ich hoffe trotzdem, dass sich alle immer wertgeschätzt gefühlt haben. Und dass sie mich so akzeptieren konnten, wie ich nun einmal bin.

Eine Predigt wäre keine Predigt, wenn man nicht auch in die Bibel schauen würde. Also in die Schrifttexte des heutigen Sonntags. Die passen wie die Faust aufs Auge. So, als wären sie extra für den heutigen Tag gemacht. Für meine Verabschiedung.

In der ersten Lesung geht es um die Berufung Elischas. Der Prophet Elija gibt sein Amt an Elischa weiter. Der begreift sofort, worum es geht, lässt alles hinter sich. Stehenden Fußes macht er sich buchstäblich vom Acker. Für den, der glaubt, gibt es kein Zurück. Wen Gott beruft, den braucht er ganz und gar.

Die zweite Lesung aus dem Brief an die Galater. Paulus ist ärgerlich – über die alte religiöse Angst, die kleinkarierte Gesetzlichkeit, den naiven Kinderglauben. Eindringlich muss Paulus den Galatern sagen, dass sie durch Christus freie Menschen sind. Sie sollen das Gute nicht aus Zwang tun, sondern aus Liebe. Sie sollen nicht aus Angst handeln, sondern in aller Freiheit. Mein Lebensthema!

Und im Evangelium: Drei Männer wollen Jesus folgen. Den ersten weist Jesus ab: Er ist offenbar nicht bereit, auf Heimat und Besitz zu verzichten. Der zweite will zuerst seinen toten Vater begraben. Und auch er wird von Jesus brüsk abgewiesen: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes.“ Der dritte bittet ihn: „Lass mich zuvor von meiner Familie Abschied nehmen.“ – Jesus antwortet: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“

An Elija und Elischa, an Jesus und seinen Jüngern wird deutlich: Es gibt kein Zurück. Man darf sich nicht zu sehr einrichten. Es muss weitergehen. Es geht um Gott. Und der beruft uns nicht in kuschelige Kerngemeinden, nicht in Pfarrfamilien und auch nicht in schöne Pfarrhäuser. Sondern in die Nachfolge. Wir dürfen es uns nicht allzu bequem machen, wir müssen bereit sein zum Aufbruch.

Ich sehe das auch so, ich fühle es so. Zehn Jahre Stadtlohn, das bedeutet auch: Man weiß, wie es läuft. Man kennt eine ganze Menge Leute. Gewohnheit macht sich breit. Man hat sich eingerichtet, kennt die Strukturen, ist verliebt in die bewährten Abläufe. Dreimal habe ich nein gesagt, habe Stellenangebote ausgeschlagen. Mit dem Hinweis: Ich bin noch nicht fertig, ich bin noch nicht soweit, ich brauche diese vertraute Umgebung.

Jetzt habe ich gedacht: Mache dich auf, wage etwas Neues! Obwohl es mir immer noch sehr schwerfällt. Es ist ein Abschied mit Wehmut; der Mut zum Aufbruch muss erst noch kommen.

An Elija und Jesus sehe ich: Es muss weitergehen. Und was sagt mir Paulus in der zweiten Lesung? „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Das könnte die Überschrift sein – über meinen Glauben, mein Beten, mein Leben. In Gottes geschenkter Freiheit leben: lieben, weil er uns liebt, handeln, weil er gehandelt hat. Mein Lieblingsthema: Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Also vor aller Leistung und nach aller Schuld. Wir können aufatmen, wir dürfen fröhliche Christen sein!

Darüber habe ich oft gesprochen, das habe ich versucht zu leben: einen fröhlichen Glauben, kritisch und reflektiert, mit Humor. Viele sind mir darin gefolgt, andere verteidigen ihre alte religiöse Angst bis heute. Manche haben mich deshalb für besonders „modern“ gehalten; es ist aber gar nicht modern, es steht ja schon in der Bibel. Andere haben mich sogar angegriffen, es klang ihnen zu sehr nach Freiheit. Macht nichts: Die Kirche ist ein großes Haus mit einem weiten Dach, da haben viele Platz. Ein „chemisch“ reines Christentum gibt es nicht, und das ist auch gut so.

An uns alle ergeht die Einladung, nicht stehen zu bleiben. Jeder von uns darf sich entwickeln. Glauben ist kein Zustand, sondern ein Weg.

Alles, was ich darüber hinaus noch zu sagen hätte, steht in einem Lied von Manfred Siebald: „Gib mir die richtigen Worte.“ Das Lied ist mir sehr wichtig, es soll auch auf meiner Beerdigung gesungen werden, das habe ich schon festgelegt. Aber auch für heute durfte ich es mir wünschen. Hören Sie doch mal genau hin, es ist ein Gebet:

„Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton.
Worte, die deutlich für jeden von dir reden – gib mir genug davon.
Worte, die klären, Worte, die stören, wo man vorbeilebt an dir;
Wunden zu finden und sie zu verbinden – gib mir die Worte dafür.

Gib mir die guten Gedanken, nimm mir das Netz vom Verstand,
und lass mein Denken und Fühlen vor dir spielen so wie ein Kind im Sand.
Staunend und sehend, prüfend, verstehend nehm ich die Welt an von dir;
sie zu durchdringen, dir wiederzubringen – gib mir Gedanken dafür.

Gib mir den längeren Atem; mein Atem reicht nicht sehr weit.
Ich will noch einmal verstohlen Atem holen in deiner Ewigkeit.
Wenn ich die Meile mit einem teile, die er alleine nicht schafft,
lass auf der zweiten mich ihn noch begleiten – gib mir den Atem, die Kraft.“

Und wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf: Achten Sie auf Ihr Gebet, sonst wird alles leer und hohl. Und wenn ich Ihnen noch ein Wort sagen darf, dann dieses: Sie haben mir gutgetan, danke!

Montag, 28. März 2016

Auferstehung jetzt

Auferstehung – wenn man das hört, denkt man sofort an das Leben nach dem Tod. Kinder nennen es den Himmel. Erwachsene sehnen sich nach Vollendung. Sie wünschen sich, dass einmal alles gut wird. Leben mit Gott, Versöhnung mit sich selber und anderen. Auferstehung: Vielen fällt es heute schwer, daran zu glauben. Auch vielen Christen.

Ich habe schon an allem gezweifelt. Und vieles in Frage gestellt, was die Kirche lehrt. An manchem habe ich mich schon so richtig abgearbeitet, darüber nachgedacht, daran gelitten. Aber zwei Dinge waren für mich immer sonnenklar: Die Existenz Gottes und das ewige Leben. Dass es Gott gibt – und dass er uns im Tod nicht fallen lässt.

Bei Trauergesprächen nenne ich dafür manchmal drei Gründe:

Erstens: Wenn Menschen einander lieben, wollen sie nicht, dass der Geliebte einfach ins Nichts fällt. Liebe geht also über den Tod hinaus. Gott kann mehr lieben als wir. Er wird uns nicht ins Nichts fallen lassen.

Zweitens: Mein Äußeres ändert sich ständig. Durch den Stoffwechsel. Fast alle Körperzellen werden im Laufe weniger Jahre vollständig erneuert. Aber ich bin immer noch ich. Meine Identität bleibt. Die Konstante meines Lebens ist also geistig. Mit Leib und Seele auferstehen bedeutet: mit Geschichte und Identität.

Und drittens: Die Jünger Jesu haben die Botschaft von der Auferstehung mit Leib und Leben bezeugt. Sie mussten alle dran glauben, buchstäblich! Sie haben alles dafür gegeben – ihr Leben! Das hätten ganz sicher nicht getan, wenn alles eine Lüge gewesen wäre. Sie müssen etwas unglaublich Neues erfahren haben.

Auferstehung – Leben nach dem Tod. Soviel zu diesem Thema. Was aber bewirkt diese Hoffnung heute schon? Ändert sich dadurch etwas? Gibt es Auferstehung schon jetzt? Es gibt doch auch ein Leben vor dem Tod. Lebt man dieses Leben anders, weil man diese eine große Hoffnung hat?

Dazu sage ich ja. Das Leben vor dem Tod fühlt sich für mich völlig anders an, weil ich hoffe – auf das Leben nach dem Tod. Ich verliere nämlich alle Angst. Ich habe keine Angst mehr um mich selbst. Ich kann mein Leben verschenken, weil es schon gerettet ist. Ich muss nicht um mich selber kreisen, mit Zeit und Kraft nicht geizig sein. Ich muss auch nicht alles aus dem Leben herausholen, was womöglich drin steckt. Ich muss aus mir nichts mehr machen, weil ich schon alles bin: Gottes geliebtes Kind – über alle Zeit hinaus.

Mit einem Wort: Ostern schenkt Gelassenheit.

Keine Angst mehr um mich selber haben – das bedeutet für mich „Auferstehung jetzt“. Gelassen sein im Vorletzten, weil ich geborgen bin im Letzten. Eine solche Hoffnung wünsche ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder. Mit einer solchen Hoffnung können auch Sie angstfrei leben.

Und ich wünsche unserer Gesellschaft eine solche Hoffnung. Auch bei uns in Deutschland kreisen noch viele um sich selbst. Sie denken nur an sich – und deshalb machen sie ihre Grenzen und ihre Herzen dicht. Sie polarisieren gegen andere Kinder Gottes. Sie fallen auf Populisten herein, die mit der Angst spielen und Wut schüren. Die Europäische Union war einmal eine Wertegemeinschaft. Heute ist sie ein Club von Egoisten. Hauptsache, die Kasse stimmt.

„Auferstehung jetzt“ – das bedeutet: Solidarität. Im Leben nach dem Tod wird es keine Grenzen mehr geben, keine Nationalitäten, ja nicht einmal mehr Religionen. Deshalb sollten wir im Leben vor dem Tod die richtigen Maßstäbe setzen. Der Himmel ist für alle, deshalb kann die Erde nicht nur für wenige sein. Wir sollten um Himmels willen die Erde nicht aufgeben. Weil später einmal alles gut wird, soll jetzt schon manches besser werden.

Auch unserer Kirche wünsche ich diese große Hoffnung. Da gibt es im Moment nur wenige Perspektiven. Viele haben richtig Angst um die Zukunft von Glaube und Kirche, ich auch. Manche haben schon resigniert, ich noch nicht. Die Unbeweglichkeit der so genannten Amtskirche ist kaum noch auszuhalten. Eine riesige Institution steht sich selbst im Weg.

Und aus dem kirchlichen Servicebetrieb entsteht nicht mehr das, was man Gemeinde nennen kann. Glaube und Kirche spielen sich fast nur noch an den Rändern ab: Geburt – Heirat – Tod, also Taufe, Trauung und Beerdigung. Dazwischen findet kaum etwas statt. Nur ein paar Events, der Rest ist naiv und magisch, ohne Glaubenswissen und Glaubenspraxis. Jedenfalls bei den meisten. Seelsorger möchten gerne Gemeinde aufbauen, sie möchten ihren Glauben mit anderen teilen; aber sie fühlen sich oft nur benutzt.

„Auferstehung jetzt“ – das bedeutet für die Kirche: Treu bleiben und durchhalten, auch wenn zurzeit nur wenige Perspektiven da sind. Kirche im Karsamstag, so nennt man das: Warten auf neues Leben; Ausharren, bis es Ostern wird. Ich kann es Ihnen nur persönlich sagen: Für mich ist das Evangelium nach wie vor die beste Botschaft der Welt. Dafür lohnt es sich zu leben. Deshalb werde ich nicht aufhören, auf Gott zu hören. Ich freue mich darüber, dass so viele Christen engagiert sind, wo auch immer. Sie machen mir Mut. Und zeigen mir, dass ich hoffen darf.

Jedem Einzelnen von uns wünsche ich das: Auferstehung jetzt. Die Erfahrung von neuem Leben. In der Familie – aufeinander zugehen. Im Beruf – nicht nur seinen Job machen. In der Nachbarschaft – sensibel bleiben füreinander.

Die Ostergeschichten der Evangelien zeigen: Jesus ist wirklich auferstanden. Aber die Jünger erkennen ihn nicht, jedenfalls nicht sofort. Petrus und Maria Magdalena zum Beispiel. Sie brauchen jemanden, der ihnen die Augen öffnet. Petrus erkennt den Auferstandenen, nachdem Johannes sagt: Es ist der Herr! Maria Magdalena erkennt Jesus, als er sie anspricht: Maria!

Das bedeutet: Es gibt Auferstehung, aber sie ist ganz anders, als wir denken. Sie ist keine Wiederbelebung von etwas Altem, sondern etwas ganz Neues. Unvorstellbar! Das Leben nach dem Tod wird ganz anders sein, anders als alle unsere Vorstellungen. Unsere Hoffnung wird erfüllt – aber anders, als wir denken, als wir erwartet haben.

Ist es mit dem Leben vor dem Tod nicht genauso?

„Auferstehung jetzt“ – für die Gesellschaft: Wenn wir solidarisch sind, werden wir uns verändern. Wir werden uns verändern müssen – uns und unsere Ansprüche. Wenn wir den Flüchtlingen auf Dauer helfen wollen, müssen wir unsere eigenen Ansprüche herunter schrauben. Teilen kann man nur, wenn man etwas hergibt, das einem lieb und teuer war. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir andere Kulturen anerkennen. Es geht nur miteinander.

„Auferstehung jetzt“ – für die Kirche: Es wird eine ganz andere Kirche sein, die da aufersteht, womöglich eine mit weniger Einfluss, vielleicht eine arme Kirche. Eine Kirche, die weniger auftritt und dafür mehr eintritt. Papst Franziskus macht uns vor, worauf es ankommt. Eine Kirche, die nicht mehr viel zu verlieren hat, ist auch eine Kirche ohne Angst um sich selbst. Vielleicht kommt der Aufbruch ja – nach dem Abbruch. So wie Ostern nach Karsamstag.

Und Sie? Und ich?
Was heißt das für uns: „Auferstehung – jetzt“?
Was muss sich jetzt ändern?
Wird man uns morgen ansehen können,
dass wir heute Ostern gefeiert haben?

Samstag, 20. Februar 2016

Taborstunden für die Politik

Ein Gespenst geht um in Europa: der Populismus. Ein gefährliches Gespenst! Populismus – was ist das? Für viele Menschen ist das Leben kompliziert geworden. Deshalb wollen sie einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Populisten geben solche Antworten. Sie greifen Ängste auf und schüren Wut.

Populismus kommt von lateinisch „populus“ – das Volk. Fast alle Wörter, die im Deutschen mit „ismus“ enden, sind Übertreibungen. Der Nationalismus zum Beispiel ist eine übertriebene Heimatliebe, die niemand anderen mehr gelten lässt. Und Populismus ist, einem Volk einseitig nach dem Mund zu reden. Populisten haben zumeist kein eigenes Programm; sie benutzen nur die allgemeine Angst, um Macht und Einfluss zu gewinnen.

Angst und Wut – das ist der Nährboden des Populismus. Warum gibt es ausgerechnet jetzt so viele Ängste – und von daher so viele Populisten, die an die Macht wollen? Schauen wir in die jüngste Geschichte: Auf die Bankenkrise folgte eine Bankenrettung. Offensichtlich, so denken viele, ist genug Geld da. Auch in Griechenland geht es scheinbar aufwärts. Das TTIP-Abkommen wird nur für die Großkonzerne gemacht, und über das Machtgerangel der Mächtigen freut sich die Rüstungsindustrie. Geld ist kein Problem, denn Geld regiert die Welt! Dennoch geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Reichen werden reicher, und die Armen werden ärmer – weltweit.

Und dann die Flüchtlinge. Auch für sie braucht man viel Geld – für Wohnungen, für Sprachkurse und Integration. Aber diejenigen, die sich als Verlierer vorkommen, die denken: „Jetzt nehmen uns die Flüchtlinge auch das noch weg. Jetzt bekommen sie unsere Sozialleistungen.“ So entstehen Ängste. Der Blick auf die Reichen schürt die Wut der Armen. Und der Blick auf fremde Kulturen macht deutlich: Flüchtlinge sind nicht automatisch die besseren Menschen!

Populisten nutzen das aus. Sie sagen den Ängstlichen und Wütenden, wer an der ganzen Misere schuld ist. Nämlich die Fremden. So einfach ist das. Auf die komplizierten Weltprobleme gibt es jetzt eine ganz einfache Antwort: Die Fremden sind schuld! Wer nicht viel hat – weder im Portmonee noch im Kopf –, der kann sich jetzt wenigstens noch etwas darauf einbilden, Deutscher zu sein.

Das hatten wir schon mal: Auf die wirtschaftlichen Probleme in der Weimarer Republik – eine Folge des Ersten Weltkrieges – hatte man ebenfalls eine ganz einfache Antwort. Ein Populist namens Hitler kam an die Macht, übrigens ganz demokratisch. Und sagte den Ängstlichen und Wütenden, wer an allem schuld ist. Damals waren es die Juden. Wir wissen alle, was dann geschah.

Und auch das kennen wir: Vor 2.000 Jahren schrie der Mob: „Ans Kreuz mit ihm“ – aufgestachelt von Populisten. Die Leute wussten nicht, was sie da sagten, sie machten einfach mit. Sie ließen sich aufstacheln, glaubten allzu einfachen Lösungen – und hatten vielleicht auch ein bisschen Spaß an Parolen. Zynisch!

Im Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und es steht auch drin, dass man Menschen, die woanders verfolgt werden, helfen muss. Von Obergrenzen steht nichts drin, denn Menschlichkeit kennt keine Obergrenze, Nächstenliebe schon gar nicht. Will man dem einen helfen, dem anderen aber nicht? Nur weil er zu spät kam und die Grenzen leider schon dicht waren?

Selbstverständlich muss man über alles reden. Auch über begründete Ängste. Wir brauchen eine europäische Lösung. Kein Staat kann das ganz allein. Und wenn die anderen nicht mitmachen, steigt der Druck. In einer Demokratie findet man die Lösungen durch ehrliche Debatten und aufrichtige Kompromisse. Das braucht Zeit! Man behält dabei einen klaren Kopf, weil man seine eigenen Grundlagen kennt. In unserem Fall: das Grundgesetz.

Populisten tragen zu solchen Lösungen gar nichts bei. Sie können nur eines: die Stimmung anheizen, Krawall machen, Parolen schreien, pauschalisieren. Darüber bin ich zutiefst erschrocken. Und dass manche erzkonservative Christen mit der AfD gemeinsame Sache machen, finde ich geradezu beschämend. Haben die denn aus der Geschichte nichts gelernt? Darf man unsere freiheitliche Demokratie so leichtfertig aufs Spiel setzen? Ich meine: Als Christ darf man keine radikalen Parteien wählen, nur um den anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen. So etwas geht meistens schief, es ist ein Spiel mit dem Feuer. Mit dem Feuer der Diktatur und des Faschismus.

In Deutschland sprechen sie vom Schießbefehl an den Grenzen. In Polen setzt man die so mühsam erkämpfte Freiheit leichtfertig aufs Spiel: Was ist denn die PIS-Partei anderes als eine Diktatur? In Ungarn und anderswo will man zwar die Europäische Union als Finanzspritze für die Wirtschaft, aber offenbar nicht als Wertegemeinschaft. In den USA jubeln sie einem Verrückten zu, der weder Verstand noch Anstand besitzt. Ich frage mich: Wie können solche Dumpfbacken so weit kommen? Doch nur, weil das Geld die Welt regiert, und nicht die Verantwortung.

Ich meine, es wird Zeit für eine Besinnung. Eine Besinnung auf die Grundlagen der Gesellschaft. Auf das Grundsätzliche – das Grundgesetz! Wer daran kratzt, gehört nicht in die Politik.

Das heutige Evangelium zeigt uns, wie das geht, diese Besinnung aufs Grundsätzliche. Wir haben die Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor gehört. Bibelforscher sagen: Das ist eine etwas voreilige Ostergeschichte, denn Jesus erscheint in weißem Licht, sozusagen in seiner österlichen Gestalt, als Auferstandener. Wahrscheinlich haben die Evangelisten hier eine Ostererzählung etwas nach vorne verlegt, in das Leben Jesu hinein.

Denn Jesus und seine Jünger sind gerade auf dem Weg nach Jerusalem. Also nach Golgota, zum Kreuz. Deshalb brauchen die Jünger geistlichen Proviant. Sie sollen erfahren, wer Jesus wirklich ist, und dass nach dem schweren Gang zum Kreuz auch der zum leeren Grab folgt. Die Verklärung auf dem Berg Tabor ist sozusagen eine Besinnung auf das Grundsätzliche. Dass nämlich Gottes Liebe stärker ist als der Tod.

Von hier oben, vom Berg Tabor, hat man eine andere Perspektive. Man bekommt einen klaren Kopf. Perspektive ist lateinisch und bedeutet: Durchblick. Jesus schenkt seinen Jüngern den richtigen Durchblick. Damit sie das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können. Damit sie Kraft haben für die Dunkelstunden des Lebens. Das Licht von Ostern scheint bereits in ihr Leben hinein.

Glauben heißt für mich, diese ganz neue Perspektive zu haben. Die Dinge einmal „von oben“ sehen, in einem ganz anderen Licht. Die Welt mit den Augen Gottes sehen! Petrus will den Augenblick festhalten – und drei Hütten bauen. Das aber geht nicht. Die Taborstunde ist wichtig, aber sie darf nicht alles sein. Man muss wieder hinunter steigen, in den Alltag. Wer die richtige Perspektive hat, kann auch die Alltagsprobleme anpacken.

Politisch gewendet: Wer das Grundgesetz kennt, wer demokratisch denkt, der darf Politik machen. Die anderen bitte nicht! Denn wer die Freiheit zerstört, hat den Boden des Rechtsstaats verlassen.

Ich wünsche uns Christen solche Taborerfahrungen. Dass wir die Welt mit den Augen Gottes sehen. Ich wünsche unserer Gesellschaft eine Rückbesinnung auf ihre Grundlagen. Und ich wünsche unseren Politikern mehr Verantwortung für das Gemeinwohl, für die Weltgemeinschaft im Ganzen. Die meisten machen das ja auch sehr gut! Wer aber polarisiert, spaltet die Gesellschaft, und verstärkt die Angst. Wer populistisch wird, schürt die Wut.

Wir alle – Christen und Politiker – sollten zur Besinnung kommen. Damit wir durchblicken und die Probleme wirklich anpacken. Ich bin davon überzeugt: Wir schaffen das!

(Predigt zum 2. Fastensonntag C - 21.2.2016)

Freitag, 12. Februar 2016

Und führe uns in der Versuchung

„Und führe uns nicht in Versuchung“, so beten Christen im Vaterunser. Ich spreche diese Worte auch, jeden Tag. Aber ich meine damit etwas anderes. Denn ich glaube nicht, dass Gott uns in Versuchung führen will. Er möchte uns doch nicht anstiften zum Bösen. Oder gar austesten, eine moralische Falle stellen. Ich bin sicher: Er möchte uns vor Versuchungen bewahren. Oder, wenn man schon hineingeraten sein sollte, liebevoll hindurchführen. „Und führe uns in der Versuchung“, so sind die Worte wohl gemeint.

Am diesem ersten Fastensonntag hat das Wort „Versuchung“ einen ganz eigenen Klang. Es weckt Erinnerungen: An die Süßigkeiten, auf die man verzichten sollte, und die deshalb gerade in der Fastenzeit ganz besonders lecker waren. Eine bestimmte Schokoladenmarke wirbt sogar mit der „zartesten Versuchung“. Dadurch ist das Wort Versuchung zu einer großen Münze mit ganz kleinem Wert geworden. Und dabei geht es bei den Versuchungen um mehr als um Süßkram. Es geht um viel größere Fragen: Wer bin ich? Wie kann ich sinnvoll leben? Letzten Endes geht es um Freiheit – um die Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben. Es geht um die Freiheit, die Gott schenkt, und die das Leben erst glücklich macht.

Die Bibel ist voll von Versuchungsgeschichten. Heute wird eine davon in allen katholischen Kirchen gelesen: Darin erzählt der Evangelist Lukas, wie Jesus selbst in Versuchung geraten ist. (vgl. Lk 4,1-13). Die Szene spielt direkt nach seiner Taufe im Jordan. Jesus wird, erfüllt vom Heiligen Geist, in die Wüste geführt. Er ist also auch in der Wüste nicht von allen guten Geistern verlassen: Den Versuchungen, die jetzt auf ihn warten, ist Jesus nicht schutzlos ausgeliefert. Gott ist ja bei ihm, in der Kraft des Heiligen Geistes! Vierzig Tage lang ist Jesus in der Wüste – eine Erinnerung an den Wüstenweg Israels ins Gelobte Land, in die Freiheit.

Und jetzt kommt’s! Lukas schreibt: „Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden“. Gerade erst – bei seiner Taufe – hatte Jesus das Wort Gottes gehört: „Du bist mein geliebter Sohn.“ Jetzt muss er beweisen, dass er standhält: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl...“. Jesus besteht die Situation mit Bravour. Und antwortet dem Teufel: „In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.“ Das ist ein Zitat aus dem Alten Testament (Dtn 8,2f), Jesus beruft sich auf Moses, der dieses Wort zuerst gesprochen hat; damit erscheint er als der neue Moses, der das Gesetz zur Erfüllung bringt.

Und so geht es weiter mit den Versuchungen: „Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben (...). Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören“. Wieder antwortet Jesus mit einem Moses-Zitat: „In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen“.

In der dritten Versuchung wird die Situation buchstäblich auf die Spitze getrieben. Der Teufel stellt Jesus oben auf den Tempel und sagt zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Jesus antwortet wieder mit einem Bibelwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ Bemerkenswert ist an dieser Stelle besonders: Auch der Teufel kennt die Bibel, denn er zitiert Psalm 91. Merke: Mit der Bibel in der Hand gehört man noch nicht automatisch zu den „Guten“!

Dieselben drei Versuchungen, die ich bei Lukas lese, gibt es auch bei Matthäus, nur in anderer Reihenfolge. Aber bei Markus, dem ältesten Evangelium, tauchen sie gar nicht auf. Da wird nur von der Wüste gesprochen, und dass Jesus dort mit dem Teufel zu tun bekommt. Offenbar haben die ersten Christen in diese ursprüngliche Fassung etwas hineingeschrieben: ihre eigene Lebenserfahrung. Die drei Versuchungen bei Matthäus und Lukas haben ja auch etwas Typisches. Alle Menschen bekommen damit zu tun, auch Jesus. Die drei Versuchungen sind Urbilder – Archetypen für das, was jeder Mensch durchmachen muss.

Denn jeder Mensch braucht Nahrung, jeder möchte genießen und besitzen. Das aber kann in Gier umschlagen, in Habsucht und Konsum. Dafür steht die Versuchung, aus Steinen Brot zu machen. Viele Menschen wollen herrschen, sie streben nach Macht und Einfluss, was zur Diktatur verkommen kann. Der Teufel verspricht Jesus eine solche Macht, wenn er sich vor ihm niederwirft, wenn er sich mit dem Bösen einlässt. Schließlich strebt so gut wie jeder Mensch nach Anerkennung und Prestige; das aber kippt schnell um, Menschen werden eitel und narzisstisch. Dafür steht die dritte Versuchung: „Stürz dich von hier hinab“ – der Teufel möchte Jesus zu einem Schauwunder verführen, er soll sich vor anderen als Supermann gebärden.

Die drei typischen Versuchungen heißen also: Besitz, Macht und Ruhm. Aus diesen drei Grundstrebungen erwächst das Böse. Wenn auch Jesus diesen Versuchungen ausgesetzt war, dann soll mir das Mut machen, mich mit diesen Kräften auseinander zu setzen, mich darauf einzulassen – und dabei selber Herr im eigenen Haus zu bleiben. Es geht um Freiheit, bei Jesus und bei mir. Und ich bin, wie er, nicht allein, nicht von allen guten Geistern verlassen, auch nicht in den Wüstenzeiten meines Lebens. Also kann ich den Versuchungen, die auf mich warten, mit Selbstbewusstsein begegnen – und mit Gottvertrauen.

Versuchungen führen mich jedes Mal, wenn sie mich treffen, in eine Krise. Manchmal nur in eine ganz kleine, die ich im Alltag leicht bewältigen kann. Aber ich falle auch in tiefe Lebenskrisen, bei denen es ums Ganze geht. Krise bedeutet: Urteil und Entscheidung. Eine Krise hat den Sinn, mich zu einer Entscheidung zu zwingen, die unausweichlich ist. Ich kann mich nicht nur entscheiden, ich muss mich entscheiden. Das merke ich spätestens dann, wenn ich tief in der Krise stecke. 
Jesus lässt eine solche Krise nicht einfach über sich kommen, sondern er lässt sich mit ihr ein; er nimmt sie ernst – und stellt sich ihr.

Und der Teufel? Welche Rolle spielt er in der Geschichte von den Versuchungen Jesu in der Wüste? Ich meine: Der Teufel ist eine Personifizierung der Krise. Er stellt Jesus vor die Entscheidung – für oder gegen Gott. Er will erreichen, dass Jesus sich in der Welt sicher fühlt – und seinen eigentlichen Auftrag vergisst, die Sendung durch Gott, seinen Vater. Jesus soll nicht die Freiheit Gottes wählen, sondern auf eigene Sicherheiten setzen. Dafür stehen symbolisch: Brot im Überfluss, Herrschaft und Anerkennung; also Besitz, Macht und Ruhm.

Über den Teufel redet man nicht gern, und das hat seinen Grund. Die einen malen ihn buchstäblich überall an die Wand. Und verteufeln geradezu alles, was ihnen nicht in den Kram passt. Die anderen sind froh, dass ihnen heute niemand mehr die Hölle heiß macht. Damit gehört der Teufel in die Mottenkammer der Mythologie: Klappe zu, Teufel tot? So einfach ist das nicht.

Denn meistens dient der Teufel nur dazu, vor der eigenen Verantwortung zu flüchten, wenn keine andere Ausrede mehr greift. Schon Eva schiebt im Paradies die Schuld auf die Schlange. Wer keinen Menschen mehr findet, auf den er seine Schuld abschieben kann, der gibt eben dem Teufel die Schuld, dem Bösen an sich. Und kann sich dann guten Gewissens selber leid tun. Er ist ja nur in Versuchung geführt worden und kann gar nichts dafür, sozusagen ein armes Opfer böser Mächte. Von wegen Freiheit und Entscheidung!

Aber, wie auch immer: Christen glauben ja nicht an den Teufel, sie widersagen ihm. Der Teufel ist eine Metapher; er ist ein Bild dafür, dass Menschen ihre Verantwortung loswerden wollen, wenn sie schuldig geworden sind.

In der biblischen Versuchungsgeschichte läuft Jesus vor seiner Krise – dargestellt durch den Teufel – nicht davon. Er geht ihr entgegen – in der Kraft des Glaubens. Und entscheidet sich für Gott – in aller Freiheit.

Auf die Versuchung zum Besitz antwortet er: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Jesus kann also loslassen, ist nicht besessen vom Besitz. Für dieses Loslassen gibt es eine gute Übung: das Fasten. Gemeint ist damit nicht das Bemühen, schlanker zu werden, um gesünder zu leben oder besser auszusehen. Fasten ist vielmehr die Einladung zu einem selbstbestimmten Leben. Es geht darum, frei zu werden von Gewohnheiten, Bedürfnissen und Ansprüchen, um wieder frei zu werden zu sich selbst. Wer loslassen kann und verzichten, der wird wieder Herr im eigenen Haus. „Fasten your seatbelt“, heißt es im Flugzeug: Fasten macht Leib und Seele fest.

Auf die Versuchung zur Macht antwortet Jesus: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ Damit erkennt er an: Gott ist Gott, und sonst niemand! Er relativiert unser Machtstreben: kein Mensch ist allmächtig. Ein gutes Mittel, Gott als Gott anzuerkennen und sich dabei selbst zu relativieren, ist das Gebet. Denn wer betet, hört auf Gott, spricht zu ihm oder schweigt vor ihm. Auf jeden Fall hält er sich nicht selbst für Gott.

Und schließlich antwortet Jesus auf die Versuchung zu Ruhm und Eitelkeit: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ Die Ehre gehört Gott, denn was Menschen um ihrer eigenen Ehre willen tun, nimmt selten ein gutes Ende. Selbstverständlich braucht jeder Mensch Anerkennung. Wer jedoch immer nur toll sein will, landet bald im Tollhaus. Ein bewährtes Mittel, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, ist das Almosen geben. Damit ist nicht gemeint, vom reich gedeckten Tisch nur ein paar Brosamen abzuzweigen, sondern alles zu teilen, was man hat und soviel man kann, wirklich und wahrhaftig.

Die grundlegenden Versuchungen heißen: Besitz, Macht und Ruhm. Wenn ich mich davon nicht gefangen nehmen lasse, werde in den Krisen des Lebens standhalten. Ich werde ein selbstbestimmtes Leben führen.

Die Mittel dazu können heißen: Fasten, Beten und Almosen geben. Fasten bedeutet, eine gesunde Einstellung zu mir selbst zu haben. Beten heißt, mit Gott im Gespräch zu bleiben, und Almosen geben führt dazu, dass ich nicht mehr um mich selber kreise, sondern mein Leben mit anderen teile. Die Liebe zu mir selbst, zu Gott und zum Nächsten bewirkt, dass ich innerlich frei bleibe.

Wer mit sich, mit Gott und den Menschen im Reinen ist, der bestimmt sein Leben selbst. Selbstbeherrschung statt Fremdbestimmung, leben statt nur gelebt werden: Die Freiheit nehme ich mir! Es ist die Freiheit, die Gott mir schenkt. Und deshalb bete ich: „Und führe mich in der Versuchung.“

(Geistliches Wort am 14.2.2016 um 8.40 Uhr, WDR 5)

Sonntag, 1. November 2015

Geld, Gene - oder Gott?

„Blut ist dicker als Wasser“ – bestimmt kennen Sie das Sprichwort. „Blut ist dicker als Wasser“, das bedeutet: Verwandtschaft bindet am stärksten. Oder, noch etwas genauer: Menschen sind am wenigsten egoistisch, je enger sie miteinander verwandt sind. Beim Erben und Vererben spielt das oft eine Rolle: „Blut ist dicker als Wasser.“

Das Blut ist hier Symbol der Verwandtschaft, das ist klar: Blutsverwandtschaft. Wofür aber steht das Wasser? Mit dem Wasser ist das Taufwasser gemeint, also der Glaube an Gott. Steht das Blut für die Blutsverwandtschaft, so das Wasser für die Geistesverwandtschaft. Auf die kann man sich, wie es scheint, weit weniger verlassen. Denn Blut ist ja dicker als Wasser.

In der Geschichte der Menschheit gibt es dafür viele Beispiele. Immer wieder war die Verwandtschaft wichtiger als der Glaube. Oder, anders gesagt: Das eigene Volk, die Nation, die Familie waren wichtiger als das Christentum. Wie hätte es sonst passieren können, dass Christen gegeneinander in den Krieg ziehen? Doch nur deshalb, weil die eigentliche „Religion“ dieser Menschen ihre Nationalität war – und nicht zuerst ihr Glaube an Gott.

Und dabei sollte es gerade andersherum sein: Der Glaube sollte uns mehr verbinden als die Verwandtschaft. Wasser, also Taufwasser, sollte „dicker“ sein als Blut. Jesus sagt: „Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Und in der Bergpredigt: „Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonders? Tun das nicht auch die Heiden?“ Und weiter: „Nur einer ist euer Vater, der im Himmel; ihr aber seid Schwestern und Brüder!“

Wir feiern Allerheiligen. Und denken dabei an die ganze Kirche. Denn zur Kirche gehören ja nicht nur wir, die wir jetzt hier sind und Gottesdienst feiern. Sondern auch die Vollendeten im Himmel, die Heiligen. Es gibt eine Kirche auf Erden und eine Kirche des Himmels. Im Glaubensbekenntnis heißt es: „Ich glaube die Gemeinschaft der Heiligen.“ Damit ist die ganze Kirche gemeint. Bei Paulus heißen alle Getauften Heilige. Weil sie durch Christus erlöst sind – und der Heilige Geist in ihnen lebt.

Es gibt also eine Verbundenheit über das Blut hinaus. Eine Verbundenheit durch den Glauben: Geistesverwandtschaft. „Blut ist dicker als Wasser“, das kann nur für unaufgeklärte, naive Menschen gelten. „Wasser ist dicker als Blut“, das müsste für uns Christen gelten. Gott verbindet uns mehr als unsere Gene. Denn der Glaube ist universal, er schließt keinen aus. Und auch die Kirche ist universal: Eine Kirche aus allen Völkern und Sprachen, über alle Zeiten und Grenzen hinweg. Ich meine hier Kirche als Gemeinschaft, nicht als Institution. Allerheiligen ist das Fest der universalen Kirche über alle Zeiten und Grenzen hinweg.

Ja, es geht sogar noch weiter. Die Kirche ist nicht nur universal für alle, die getauft sind. Sondern für alle Menschen. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott sowie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ Einheit der ganzen Menschheit: Das ist das Ziel der Kirche! Sie ist nicht national, nicht provinziell – sondern eben universal, für alle.

Dennoch: Auch in unseren Tagen spüren wir, dass für viele das leider immer noch dicker ist als Wasser. Menschen haben Angst vor dem Fremden. Sie brauchen Sicherheit und machen deshalb ihre Grenzen dicht. Sie grenzen sich ab und hoffen, dadurch irgendeine Art von Identität zu gewinnen. Sie meinen: Ich muss wissen, wer die Anderen sind, damit ich weiß, wer ich bin. Im schlimmsten Fall brauchen sie sogar Feinde, um zu wissen, wer sie selber sind.

Sie ahnen bestimmt, wovon ich rede: von der Flüchtlingskrise. Die meisten hier bei uns heißen die Flüchtlinge willkommen. Und tun allerhand dafür, dass sie gut aufgenommen werden. Viele Ehrenamtliche kümmern sich, verwenden darauf Zeit und Kraft. Aber es gibt auch manche, die wollen die Grenzen zumachen, weil sie Angst haben vor „Überfremdung“. Sie haben Herz und Hirn längst dicht gemacht, für Argumente sind sie gar nicht mehr offen.

Ich darf als Pfarrer nicht politisch werden, jedenfalls nicht parteipolitisch. Deshalb stelle ich nur einige Fragen: Ist nicht das, was die Bundeskanzlerin möchte, endlich das, was man von einer Partei erwarten darf, die das „C“ im Namen führt? Wie manche Nachbarstaaten damit umgehen, allen voran Ungarn und Polen, das ist nicht nur nicht europäisch, das ist geradezu zynisch!

Und am schlimmsten: Wenn dann manche Randparteien Ängste schüren, ertränken sie damit nicht am Ende alles in brauner Soße? Wer immer nur „Wir sind das Volk“ ruft, der wird bald auch „völkisch“ argumentieren, das hatten wir schon in Deutschland, es war schrecklich. Die meisten Parteien mühen sich redlich, sie ringen um Lösungen. Aber man muss es ganz deutlich sagen: Die AfD ist für Christen nicht wählbar!

Auch bei uns in Stadtlohn gibt es manche Ängste. Und auch fremdenfeindliche Äußerungen. Man muss nur mal in den sozialen Netzwerken gucken. Allein die Wortwahl verschlägt einem die Sprache. Vor kurzem sagte mir eine ältere Frau: „Müssen die im Fernsehen immer die vielen Ausländer zeigen? Dunja Halali, Pinar Atalay, Ranga Yogeshwar – und wie sie alle heißen; haben wir denn keine eigenen Leute mehr?“ Meine Antwort: „Die sprechen aber ein besseres Deutsch als Sie!“ Betretenes Schweigen, das können Sie sich denken. Ich bin eben meistens ziemlich direkt.

Wer oder was ist deutsch? Ist man schon deutsch, wenn man einen deutschen Pass hat? Welche Werte vertreten wir? Provinzielle oder universale? Wen beten wir an: unser Geld, unsere Gene – oder Gott? Müssten nicht diejenigen, die Parolen schreien, erstmal selber in unseren Rechtsstaat integriert werden? Weil sie vom Grundgesetz gar keine Ahnung haben? Geschweige denn von europäischer Geschichte und Kultur?

Die heutigen Schrifttexte sagen uns, was Kirche ist, universale Kirche.

Die Offenbarung des Johannes zeigt uns eine große Vision: die Vision von den Vollendeten, die bei Gott sind. Die Kirche des Himmels sozusagen. Am Ende wird alles gut. Dann zählt nur noch, dass Gott der Gott aller Menschen ist und dass wir zu ihm gehören. Warum leben wir das nicht jetzt schon?

Der erste Johannesbrief spricht von der Liebe Gottes, die unfassbar groß ist: „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“, heißt es da. Wenn wir Kinder Gottes sind, dann brauchen wir keine Angst zu haben vor anderen Kindern Gottes. Dann gehören wir zu der einen großen Menschheitsfamilie.

Das Evangelium enthält den ersten Teil der Bergpredigt, also der Ethik Jesu. Der preist alle selig, die zu kurz gekommen sind: die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Hungernden, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind und Frieden stiften. Und am Schluss werden diejenigen genannt, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Das sind die Seligen!

Ich will nicht alles schönreden. Ich weiß, dass es auch Probleme gibt mit den Flüchtlingen. Wir müssen alle noch viel lernen, die Flüchtlinge müssen sich besser einfügen, wir müssen unsere Ängste überwinden.

Wer hier bei uns selber nicht viel hat, der hat vielleicht mehr Angst, hinterher noch weniger zu haben. Das muss man ernst nehmen, weil diese Leute sonst womöglich radikalisiert werden – von Pegida & Co. Wer jedoch einen Überblick hat, wer sich in andere Menschen einfühlen kann und vielleicht sogar eine Fremdsprache beherrscht, der hat es ganz bestimmt leichter, auf andere zuzugehen.

Wenn wir barmherzig sind, wird Jesus auch uns selig nennen.
Wenn wir wahrhaft Christen sind, werden wir universal.

„Blut ist dicker als Wasser“, das war einmal.
Das lassen wir hinter uns, es kommt nicht viel Gutes dabei heraus.
Gott ist es, der uns verbindet.

Selig die Barmherzigen...

Sonntag, 23. August 2015

Thema Kirche - Bild Ehe (zu Eph 5,21-32)

Das ist ja wohl unmöglich! Dass so etwas noch vorgelesen wird, im 21. Jahrhundert, typisch Kirche: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, denn der Mann ist das Haupt der Frau. So sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen.“

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann mir vorstellen, dass es ganz schön rumort hat – in mancher emanzipierten Frau. Und hoffentlich auch in emanzipierten Männern!

Um es zu verstehen, muss man genau hinsehen. Wie immer. Man kann die Bibel ja entweder wörtlich nehmen – oder ernst. Viele Fundamentalisten begehen den Fehler, dass sie mit der Bibel wörtlich umgehen. Dann hätte Gott die Welt ja wirklich in sieben Tagen erschaffen. Dann müssten die Frauen in der Kirche ja wirklich schweigen. Dann würde man für alles und jedes einen Beweis in der Bibel finden, für den größten Unsinn. Aber so ist es nicht, Gott sei Dank.

Paulus hat nämlich gar nichts gegen Frauen. Allerdings stellt er auch nicht in Frage, was damals üblich war; er kritisiert die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht. In der Antike war es klar, dass die Männer das Sagen hatten, jedenfalls nach außen. Paulus mischt sich da nicht ein. Hätte er das Thema Emanzipation auch noch angepackt – viele hätten dann zugemacht für die Botschaft des Christentums. Es war einfach noch nicht an der Zeit.

Aber: Die frühen Christen lebten ja faktisch so etwas wie Gleichberechtigung. Paulus sagt: „Für uns zählt nicht mehr Jude oder Grieche, nicht mehr Sklave oder Freier, nicht mehr Mann oder Frau; denn wir sind eins in Christus.“ Getauftsein das das Entscheidende. Und tatsächlich: Die Christen hatten deshalb so viel Zulauf, weil sie anders miteinander umgingen. Geschwisterlich eben. Es gab noch keine gesellschaftliche Gleichberechtigung, wohl aber eine christliche.

Und, noch wichtiger: Paulus ist Theologe. Er will gar keine Vorschriften darüber machen, wie es in der Ehe zugehen soll. Nein, für ihn ist die Ehe ein Bild. Ein Bild für das Verhältnis von Christus und der Kirche. Man würde den Epheserbrief also völlig missverstehen, wenn man ihn direkt auf die Ehe anwenden würde.

Nein, im Epheserbrief geht es um die Kirche, und die Ehe ist dafür nur ein Bild. Das hat eine lange Tradition, Beziehungen miteinander zu vergleichen. Im Alten Testament zum Beispiel: Da ist die Ehe ein Bild für die Beziehung von Gott und Israel. Gott ist der Mann, sein Volk Israel ist die Frau. Und obwohl sie ständig in Beziehungskrisen geraten, sind sie doch unzertrennlich. Sagen die Propheten.

Auch die Kirche ist so eine Beziehungskiste – zwischen Jesus und den Christen. Denken Sie etwa an das Bild vom Bräutigam – das ist Jesus, und der Braut – das ist die Kirche. Viele Gleichnisse reden davon. Und eben auch Paulus. Hören Sie mal genau hin, was er in der heutigen Lesung wirklich sagt: „Einer ordne sich dem anderen unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus.“ Das ist die Überschrift! Einer ist der Diener des anderen, weil wir gemeinsam Christus dienen!

„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie Christus.“ Das ist also keine Unterwürfigkeit, sondern ein Liebesverhältnis. Die Pointe ist: „wie Christus“! „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche liebt.“ Ich glaube, das wäre wunderbar, wenn jede Frau sich von ihrem Mann so geliebt fühlen würde, wie Christus die Kirche liebt! Da müssen die Männer noch viel lernen!

Und am Schluss heißt es von alledem: „Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.“ Da haben wir’s! Man muss genau hinhören: Paulus sagt das Ganze, um das Liebesverhältnis zwischen Christus und der Kirche zu verdeutlichen. Es soll dem einer guten Ehe ähnlich sein. Die Kirche ist eine Beziehungskiste zwischen Christus und den Christen!

Wer die Bibel für veraltet hält, hat meistens nicht richtig zugehört. Dann bleibt man bei den Bildern stehen, ohne zum Inhalt zu kommen. Man kann mit der Bibel nicht umgehen wie mit einem Steinbruch, wo man einzelne Bruchstücke schon für die ganze Wahrheit hält. Man kann sie auch nicht abstempeln, so nach dem Motto: Das ist alles längst vorbei, das ist nicht mehr unser Weltbild.

Schon gar nicht kann man sagen: Die Bibel ist gegen Gleichberechtigung. Es ist ja nicht unsere Aufgabe, die Bibel umzuschreiben. Sondern, sie immer neu auszulegen, zu erklären.  Doch was man überhaupt nicht tun darf: Einfach blind dem Buchstaben gehorchen und wider besseres Wissen Behauptungen und Forderungen aufstellen. Das tun nur Fundamentalisten. Und bei denen haben die Frauen dann wirklich nichts mehr zu lachen. Schade, dass die Kirchenleitung heute immer noch fundamentalistisch argumentiert, vormodern – jedenfalls wenn es um die Gleichstellung der Frau in den kirchlichen Ämtern geht. Aber das steht auf einem anderen Blatt, das ist hier nicht das Thema.

Der Epheserbrief ist also gar nicht so unmöglich, wie manche denken. Doch was fangen wir nun damit an? Ich möchte zwei Vorschläge machen:

Zum einen: Das Ehesakrament bewusst leben. Die christliche Ehe ist nicht nur eine traute Zweisamkeit, die von der Kirche gesegnet wird. Nein, sie ist ein Bild für die Liebe Christi zu seiner Kirche. Wenn christliche Ehen christlich gelebt werden, dann ist Jesus dabei, dann wird seine Liebe spürbar.

Und zum andern: Wir dürfen uns bewusst machen: Jesus liebt seine Kirche so sehr, wie gute Eheleute einander lieben. Und noch viel mehr! Er hat sein Leben für uns gegeben. Wenn wir uns um die Zukunft der Kirche sorgen, dann sollten wir das nicht vergessen: Sie lebt von der Liebe Jesu, von der Treue Gottes.

Sonntag, 21. Juni 2015

Warum habt ihr solche Angst?

„Hab doch keine Angst!“ Das sagt sich so leicht. Geht das überhaupt? Angst kommt von lateinisch „angustia“, die Enge. Damit zu tun hat auch das Wort „angor“, das bedeutet „würgen“. Vertraute Bilder sind das: im Würgegriff der Angst. Da bekommt man keine Luft mehr, die Angst schnürt einem die Kehle und die Seele zu, es wird einem alles zu eng. Angst ist sehr diffus, ich komme nicht so schnell dagegen an. Denn sie lässt mich im Ungewissen über ihre Ursache, sie bleibt ein negatives Grundgefühl, das mich im Ganzen trifft; die Angst macht mich unfähig zu handeln, ja sie kann sogar krank machen.

„Fürchte dich nicht“ oder „Fürchtet euch nicht“ – dieser Appell kommt in der Bibel 366mal vor. So, als müsste man sich jeden Tag wenigstens einmal sagen lassen, dass wir keinen Grund zum Fürchten haben. Ist ein Christ vielleicht jemand, der sich vor nichts und niemandem fürchtet? „Fürchte dich nicht“ heißt es immer dann in der Bibel, wenn Gott etwas Neues macht, zum Beispiel wenn Propheten oder Engel auf den Plan treten. Oder wenn der auferstandene Jesus plötzlich vor seinen Jüngern steht.

Wenn ich mich vor etwas fürchte, dann weiß ich genau, wovor; ich kenne die Bedrohung und kann etwas dagegen tun. Furcht richtet sich gegen etwas ganz Bestimmtes, sich zu fürchten hat eine fassbare Ursache und führt zu konkretem Handeln. Angst dagegen ist diffuser.

In der Umgangssprache unterscheiden wir nicht zwischen Angst und Furcht. Aber es gibt einen Unterschied. Und den finde ich sehr wichtig.

Denn Furcht ist durchaus hilfreich, sie motiviert zum Handeln. Das Sich-Fürchten ist geradezu ein Überlebensvorteil für den Menschen. Ohne Furcht wäre die Menschheit längst ausgestorben. So hatte es schon vor Jahrtausenden durchaus Sinn, wild gewordene Säbelzahntiger zu fürchten. Und möglichst schnell zu verschwinden, wenn man einen davon zu sehen bekam. Furcht mahnt zur Vorsicht vor unbedachten Handlungen; sie kann uns davor bewahren, übermütig und waghalsig zu werden.

Furcht schützt also vor Selbstüberschätzung, sie ist ein Signal für Gefahr. Erst wenn die Bedrohung gar nicht da ist, sondern nur eingebildet; wenn sie sich in die Seele eingebrannt hat und zur Grundstimmung geworden ist, spricht man von Angst. So fürchte ich mich vor dem Sprung vom Drei-Meter-Brett, vorm Autofahren in einer fremden Stadt, aber auch vor großen Hunden. Angst habe ich da eher vor Leere Sinnlosigkeit, vor unheilbaren Krankheiten – und vor dem Sterben.

Furcht ist etwas, worauf ich mich einstellen kann, wo ich agieren kann, womit ich lernen kann umzugehen. Angst habe ich vor allem, dem ich ohnmächtig ausgeliefert bin, was ich nicht beeinflussen kann; mit der Angst kann ich nicht mehr umgehen, denn die Angst geht mit mir um, sie treibt mich um, hat mich im Griff. Der Furcht kann ich ins Gesicht sehen, die Angst greift mich von hinten an, ich kann nur noch vor ihr davonlaufen – und entkomme ihr doch nicht.

Ganz ehrlich: Ich habe Angst vor dem Kranksein und dem Sterben, weil ich ja nicht wissen kann, wie es einmal sein wird, ja weil ich es mir als sehr mühsam und schmerzhaft vorstelle. Aber vor dem Tod habe ich keine Angst. Ich fürchte den Tod nur, weil ich ja jetzt schon weiß, dass er eines Tages kommen wird, ich kann mich also darauf einstellen, kann damit umgehen. Meine Zeit wird ja dadurch erst kostbar, dass sie begrenzt ist. Deshalb habe ich – auch als Christ – Angst vor dem Sterben, aber nicht vor dem Tod.

Eine besondere Form der Furcht ist die Ehrfurcht. Ich empfinde Ehrfurcht vor jemandem, den ich ernst nehme und der mich ernst nimmt; wir akzeptieren und respektieren einander, schätzen einander wert. Und deshalb erweisen wir einander die Ehre. Achtung und Ehrfurcht sind Grundlagen einer jeden Beziehung und Gemeinschaft. „Ich will dich lieben, achten und ehren“, sagen Brautleute bei der kirchlichen Trauung. Ehrfurcht und Achtung gehören zur Liebe dazu.

Vor Gott habe ich Ehrfurcht, aber Angst vor ihm habe ich nicht. Immer wieder begegne ich Menschen, denen es anders geht. Vor allem den Älteren hat man in ihrer Kindheit Angst eingejagt. Vor einem Gott, der geradezu unberechenbar schien. Angst machende Gottesbilder sind das: Gott als neugieriger Schnüffler, als Kapitalist und Buchhalter, der nur auszahlt, was man zu Lebzeiten bei ihm eingezahlt hat an guten Taten. Religion als Ewigkeits-Versicherung, Leben als großer Stress-Test fürs Seelenheil, Frömmigkeit als billiger Kuh-Handel mit Gott, Beten mit himmlischer Dividende. Alles in allem ein schlimmer Aberglaube. So ein Gott ist nicht nur zum Fürchten – so ein Gott macht geradezu Angst. Höllen-Angst! Diese Angst macht nicht nur Menschen krank und klein, sie macht letzten Endes auch Gott klein. Denn ein Gott, der sich nur für Kleinigkeiten interessiert, mit dem man Geschäfte machen muss, kann nicht groß sein, nicht barmherzig. Ein Gott, der mit der Angst spielt, der uns zeitlebens fürs Jenseits testet, ist ein Sadist, aber nicht der Vater Jesu Christi.

Spätere Generationen – meine auch – haben die Angst vor Gott verloren, Gott sei Dank. Die Drohbotschaft ist der Frohbotschaft gewichen, der Glaube an Jesus Christus hat ganz neu den Gott der Liebe aufscheinen lassen. Aber mit der Angst ist vielen auch die Ehrfurcht abhanden gekommen. Gott – oder wen man dafür hielt – wurde zusehends verharmlost; ein zahnloser Tiger, den man nicht mehr ernst nehmen kann. Und dem man deshalb auch keine Ehre mehr erweist, keine Achtung, keine Liebe.

Angst macht krank, Furcht jedoch kann durchaus motivieren. Ehrfurcht ist eine Haltung der Wertschätzung; wir akzeptieren einander, wir nehmen einander ernst.

Wenn jemand Probleme hat, die unlösbar scheinen; wenn einer im Sterben liegt oder gerade gestorben ist, dann kriegen wir es oft mit der Angst zu tun. Ich denke dann häufig an eine Geschichte, die mir Mut macht: Die Seesturmgeschichte aus der Bibel. Sie wird am heutigen Sonntag in allen katholischen Kirchen gelesen. Jesus ist mit den Jüngern im Boot. Trotz des heftigen Sturms: Er schläft seelenruhig. Die Jünger wecken ihn, er stillt den Sturm. Und stellt dann eine wichtige Frage: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Die Deutung ist einfach: Jesus sitzt mit uns im Boot des Lebens. Auch wenn wir uns manchmal fragen: Wo ist er denn? Warum lässt Gott das zu? – Jesus ist da. Er ist da in den Stürmen, die wir zu bestehen haben: Schicksalsschläge, Krankheit, Tod und Trauer. Jene Zufälligkeiten also, die man nicht vorhersehen, auf die man sich nicht einstellen kann, und die einem deshalb nicht nur das Fürchten lehren, sondern geradezu Angst einjagen. Jesus aber ist die Ruhe im Sturm. Wer auf ihn vertraut, fühlt sich nicht mehr allein mit seiner Angst. Jesus beruhigt den Sturm, gibt dem Leben neuen Halt. Und dann fragt er auch uns: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Manche Leute meinen, Glauben sei das Gegenteil von Wissen. Man habe eben keine Beweise, und deshalb müsse man halt glauben. Man müsse glauben, was man nicht wissen könne. Sie haben einen „Dass-Glauben“: Sie glauben – oder glauben eben nicht – dass Gott existiert. So wie sie vielleicht glauben, dass morgen schönes Wetter wird. Beides ist nicht mehr als eine Vermutung. Tatsächlich gibt es für Gott keine Beweise. Es gibt gute Gründe zu glauben, Hinweise vielleicht. Aber man kann weder beweisen, dass es Gott gibt, noch kann man beweisen, dass es ihn nicht gibt. Da stehen die Chancen fifty-fifty. Deshalb ist Glauben vor allem eine Sache der Erfahrung und Entscheidung.

Von der Bibel her bedeutet Glauben etwas ganz Anderes. Kein „Dass-Glaube“, sondern ein „Du-Glaube“. Keine Mutmaßungen über die Existenz Gottes, sondern eine Beziehung zu ihm. Im Hebräischen heißt Glauben „sich festmachen in Gott“. Im Griechischen heißt es „vertrauen“. Das lateinische „Credo – ich glaube“ – kommt von „cor dare“, sein Herz geben. Und selbst das deutsche „glauben“ kommt von „geloben“, also soviel wie „ein Versprechen eingehen“, „eine Beziehung leben“, „in einem Treueverhältnis stehen“.  

Wenn Glauben also Vertrauen bedeutet, dann ist Glauben das einzige, was hilft, wenn wir Angst haben – in den Stürmen des Lebens. Vertrauen hilft gegen Angst: Ich vertraue darauf, dass ich nicht allein bin; dass mich einer hält, wenn ich mein Leben nicht mehr im Griff habe; dass mich einer trägt, wenn der Boden unter den Füßen wankt. Wer an Gott glaubt, kann ihm alle Ängste überlassen, kann loslassen –  auch sich selbst. Und darauf vertrauen: Er macht es gut! Auch wenn im Moment noch nichts gut ist.

„Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Das ist die Frage Jesu auch an mich. Ich kann nicht immer nur auf mich selber setzen. Ich brauche jemanden, dem ich trauen, auf den ich vertrauen kann. Glauben ist für mich nicht das Gegenteil von Wissen, auch nicht von Unglauben oder Zweifel. Und schon gar nicht ein bloßes Fürwahrhalten irgendwelcher Wahrheiten. Glauben ist vielmehr das Gegenteil von Angst.

Ein guter Freund und Kollege hatte sich die Seesturmgeschichte ganz zu Eigen gemacht. In den Stürmen des Lebens, auch in schwerer Krankheit, konnte er auf Jesus vertrauen. Immer wieder ging es in seinem Reden und Beten um diese Geschichte – als Sinnbild des Lebens. Und schließlich auch als Sinnbild des Sterbens. Auf seinem Grabstein sieht man eine Bronzetafel: Jesus sitzt mit seinen Jüngern im Boot und schläft. Es tobt ein heftiger Sturm. Und darüber, auf dem Grabstein, steht geschrieben: „Jesus, meine Zuversicht“.

Zuversicht ist etwas ganz anderes als Optimismus. Der Optimist denkt: „Ich kriege das schon hin, ich habe ja selber Kraft genug.“ Wer aber zuversichtlich ist, der weiß: „Meine Kraft kommt von woanders her. Von dieser Kraft bin ich gehalten. Und darf Vertrauen haben.“ So hilft Vertrauen, mit der Angst fertig zu werden, sie anzunehmen, besser damit umzugehen. Gottvertrauen!
Wie aber ist es mit der Furcht? Also mit der konkreten Bedrohung, auf die ich mich wirklichkeitsnah einstellen, gegen die ich etwas tun kann? Meine Erfahrung ist: Mit der Furcht kommen die meisten Menschen ganz gut klar, da sind sie optimistisch und trauen dem Verstand, den Gott ihnen gegeben hat. Was aber ihre Lebens- und Sterbensangst angeht, da versuchen sie, ganz und gar auf Gott zu vertrauen; darauf, dass er sie trägt und hält. Anders gesagt: Für meine Furcht finde ich selber eine Lösung, für meine Angst wird mir Erlösung geschenkt. Und deshalb darf ich immer zuversichtlich bleiben.

Dieses Vertrauen, diese Zuversicht wünscht Ihnen Pfarrer Stefan Jürgens aus Stadtlohn.

(Geistliches Wort am 21. Juni 2015 um 8.40 Uhr in WDR 5)