Sonntag, 31. März 2013

Die Gnade des Nullpunkts - Ostern 2013

„Die Gnade des Nullpunkts.“ Liebe Schwestern und Brüder, haben Sie das schon mal gehört? „Die Gnade des Nullpunkts!“ Ist denn der Nullpunkt eine Gnade? Nullpunkt, da denkt man ans Ende. Nullpunkt, das ist, wenn gar nichts mehr geht. Wenn alles null und nichtig scheint. Und das soll eine Gnade sein? Also ein Geschenk, ein besonderes sogar?

Doch, es gibt so was. Wenn man ganz unten ist. Wenn nichts mehr geht. Dann erst nämlich lernt man zu vertrauen. Man lernt, eine Situation wirklich ernst zu nehmen. Und anzunehmen. Man lernt, damit umzugehen. Und irgendwie spürt man sogar: Gott ist da. Ich kann mich ihm ganz überlassen. Da, wo nichts mehr geht, bricht seine Gnade durch. Wo wir am Ende sind, macht Gott einen Anfang.

Die Bibel ist voll von solchen Erfahrungen. Denken Sie etwa an Israel in der Wüste. Das Volk ist aus Ägypten ausgezogen, die Sklaverei liegt hinter ihm. Mitten durchs Rote Meer sind sie gegangen! Doch die Menschen haben Hunger. Die neue Freiheit will ihnen nicht so richtig schmecken. Sie wollen zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Sie wissen nicht mehr ein noch aus. Da schenkt Gott das Manna. Er bietet seinen Bund an. Neues Vertrauen entsteht. Es geht weiter in Richtung Gelobtes Land.

Bei Paulus gibt es das auch, diesen Nullpunkt: Paulus vor Damaskus. Wo aus dem Saulus erst ein Paulus wird. Vorher hat er nur auf seine eigene Kraft gesetzt. Ein heißblütiger Christenkiller. Jetzt, wo nichts mehr geht, merkt er: Alles kommt von Gott. Es kommt nur auf Jesus an. Wer ihm vertraut, wird gerettet. Ohne eigene Leistung. Gott liebt uns ohne Bedingung, einfach nur um Christi willen. Saulus hatte noch gemeint, er selber sei ein starker Typ. Als Paulus wusste er: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Es gibt auch aktuelle Beispiele. Denken Sie an Staaten, die nicht mehr vor und zurück können. 1945 war das bei uns in Deutschland so: die „Stunde null“. Am 21. März haben wir deshalb noch die große St.-Otger-Glocke geläutet und einen Gedenkgottesdienst gefeiert, als Erinnerung und Mahnung. In der „Stunde null“ ging bei uns nichts mehr. Und doch: Die Solidarität der Weltgemeinschaft war groß. Es ging wieder aufwärts – wirtschaftlich und vor allem moralisch. Ein neuer Anfang.

Oder denken Sie an die Kirche. Manche sagen: Die Kirche sei total am Ende. Der Vatikan ist korrupt, die Bischöfe haben Angst, die Leute laufen weg. Es ist eine Kirche im Karsamstag: Man weiß, was war, aber man hat scheinbar keine Zukunft. Erst wenn die Kirche allen Triumphalismus abgelegt hat, kann sie wieder die Kirche Jesu Christi werden. Weg mit dem schnöden Pomp und den albernen Titeln, weg mit den alten Seilschaften: Da soll der neue Papst mal kräftig aufräumen! Das ist der Nullpunkt, wenn man weiß: Jetzt kann nur noch Jesus selber helfen. Das ist der Punkt, wo die Kirche wieder ganz von vorne anfangen kann. Das Kreuz ist der Punkt, an dem die Kirche österlich wird!

Auch im persönlichen Leben gibt es das, die „Gnade des Nullpunkts“. Ich denke an den Alkoholiker, der sich erst helfen lässt, wenn er ganz unten ist. Oder an eine Krankheit, durch die man einfach durch muss. An eine Trauer, die nicht heilen will.

Ich denke an eine leer gewordene Ehe: Beide Partner nehmen erst Hilfe an, wenn sie voreinander ihre Schwächen eingestehen können. Und merken: „So geht es nicht weiter. Wenn wir so weitermachen, ist bald alles aus.“ Erst an diesem Punkt erlauben sie anderen, ihnen zur Seite zu stehen. So wird die Krise zur Chance!

Ich habe solche Nullpunkte schon oft begleiten dürfen. Jemand macht Exerzitien. Und spürt plötzlich diese große innere Leere. Eine Gnade ist das! Obwohl es wehtut. Weil die Leere der Punkt ist, wo man merkt: Jetzt hilft nur noch Gott. Es ist der Punkt, wo man sich ihm ganz überlässt. Und dabei spürt: Er ist wirklich da! Gott ist reine Gegenwart, er ist immer da, nur wir lassen das nicht zu. Wir merken es nicht. Wir müssen erst das Kreuz durchleiden, um österlich werden zu können.

Bei Sterbenden habe ich das schon oft begleiten dürfen: dieses Loslassen, Leerwerden und Annehmen. Da ist eine Frau im Hospiz. Sie hat nur noch wenige Tage zu leben. Sie nimmt Abschied von ihren Lieben. Und bereitet ihre eigene Beerdigung vor. Ganz liebevoll, beinahe zärtlich. Als wollte sie sagen: „Ich bin jetzt bereit zu gehen. Ich kann mein Kreuz annehmen, weil ich weiß: Gott wird mich verwandeln.“ Ein österliches Sterben ist das. Ganz leicht. Wie der Umzug in ein anderes Haus.

Und auch ich habe solche Nullpunkte erlebt. Vor einigen Jahren habe ich mal gedacht: So kannst Du nicht weitermachen. Aber genau dies war der Punkt, wo ich alles von Gott erwarten konnte. In mir selber war ja nichts mehr, alles fühlte sich sinnlos an. Jetzt war Gott dran. Seitdem ist mir die Stille wichtig geworden, das kontemplative Gebet: Einfach gegenwärtig sein, präsent sein, lauschen. Schauen und Staunen!

Paulus hat recht, wenn er sagt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Weil man nur verwandelt werden kann, wenn man auf die eigene Stärke verzichtet. Wenn man selber am Nullpunkt ist. Und sagt: „Ich vertraue dir, mein Gott. Nimm du mein Leben in die Hand, ich kann es nicht allein.“

Liebe Schwestern und Brüder, die „Gnade des Nullpunkts“, das war vorgestern. Karfreitag! Das Kreuz ist nämlich der Ort, an dem nichts mehr geht. Jesus konnte dem Kreuz nicht ausweichen, er konnte sein Leiden nicht beenden. Zuerst hat er noch gebetet: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Doch dann, als ihm alles klar geworden war: „In deine Hände empfehle ich meinen Geist.“

Und Gott hat ihn gehört. Hat ihn gerettet. Auferweckt. Der Tod ist tot, das Leben lebt. Halleluja! Leben durch den Tod hindurch. Wo Jesus ganz am Ende ist, macht Gott einen neuen Anfang. Null und nichtig ist der Tod, weil Jesus alle unsere Nullpunkte durchlebt hat. Durchlitten. Und dadurch angenommen.

Tatsächlich: Am Kreuz ging es um alles oder nichts. Wäre Jesus nicht auferstanden, dann wäre auch seine Botschaft null und nichtig gewesen. Alles umsonst! Das ganze Programm der Liebe – aus und vorbei! Wir wüssten heute nichts mehr von Jesus; er wäre nur einer von diesen Weltverbesserern, die jämmerlich gescheitert sind. Ohne Auferstehung kein Evangelium! Ostern setzt Jesu Botschaft überhaupt erst in Kraft. Auch das Evangelium ist durch den Tod hindurch gegangen!

Deshalb ist Ostern mehr als bloß eine Jenseitserwartung. Aufs Jenseits gehofft haben die Menschen immer schon. Das allein ist noch nicht christlich. Aber neues Leben, verwandeltes Leben: das gibt es nur im Christentum. Wir sind keine Religion der Sieger. Unser Zeichen ist nicht der Auferstandene, sondern das Kreuz. Und zwar ganz bewusst. Weil das Kreuz der Nullpunkt ist: man hat nichts mehr in der Hand. Weil man am Kreuz nur noch darauf vertrauen kann, dass Gott handelt. Ostern ist die Alternative zu jeder Art von Resignation.

Ich selbst habe die Erfahrung gemacht: Gott ist immer da, aber wir nehmen ihn nicht wahr. Er hat vor uns so viel Respekt, dass er nur dann mit uns anfängt, wenn wir uns ihm ganz überlassen. Er handelt nicht gegen unseren Willen. Viele Menschen können heute mit Gott nichts anfangen, weil sie mit ihm nicht anfangen. Weil sie ihn nicht wahrhaben wollen, nehmen sie ihn auch nicht wahr. Weil sie mit seiner Gegenwart gar nicht rechnen, laufen sie vor ihm davon.

Wo man sich aber für ihn öffnet, da spürt man ihn auch. Mal mehr, mal weniger. Aber immer ganz wirklich. Loslassen ist wichtig. Nicht alles selber machen wollen. Sondern sich eingestehen: Ich kann ohne Gott nicht leben. Das ist der Punkt, der Nullpunkt, das Kreuz. Nicht jeder wird das verstehen. Schon zu Paulus‘ Zeiten hielt man das Kreuz für eine ärgerliche Dummheit; man wollte lieber stark sein und an einen starken Gott glauben. Doch erst wo Menschen auf eigene Kraft verzichten, wo sie um ihre Erlösungsbedürftigkeit wissen, da kann Gott sie auch erlösen. Und zwar durch seine Ohnmacht!

Am Kreuz bricht Ostern auf. Wie der Frühling aus dem tiefsten Winter. Deshalb ist das österliche Leben nicht bloß ein Paradies oder Schlaraffenland. Wo man alles kriegt, was man will. Sondern was ganz anderes: Ostern ist das grenzenlose Vertrauen, niemals verloren zu sein. Wer Ostern kennt, kann nicht mehr verzweifeln.

Deshalb muss man zum eigenen Nullpunkt ja sagen. Zu den eigenen Schwächen. Auch zur inneren Leere. „Viele Menschen“, sagt der heilige Ignatius von Loyola, „ahnen gar nicht, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen.“

Und Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer, schreibt aus dem Gefängnis: „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen (…), dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst (…); und so wird man Mensch, ein Christ.“ Anders ausgedrückt: Wer am Nullpunkt ist, vertraut auf Gott. Und Gott wird ihn nicht enttäuschen. Er fängt uns auf, wenn wir uns fallen lassen.

Mein eigenes Lebensgefühl beschreibe ich gerne mit einem Gedicht von Klaus Hemmerle. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn ich mich Gott überlasse, dann schwindet alle Lebensangst. Dann lebe ich so frei, als hätte ich das Sterben bereits hinter mir. Dann habe ich auch keine Angst mehr vor diesem Nullpunkt, vor dem Kreuz. Weil es dann ja schon umfangen ist von einer Liebe, die mich trägt und versteht. Das Gedicht trägt den Titel „Der freie Mensch“ und geht so:

Frei ist der Mensch,
der den Tod hinter sich
und das Leben vor sich hat,

der nicht zu vergessen braucht,
weil ihm vergeben ist
und er vergeben hat,

der vor nichts zu fliehen braucht,
weil er durch verschlossene Türen kommen
und über Abgründe gehen kann,

der sich nicht zu ängstigen braucht,
weil er immer unterwegs ist
zu einem und mit einem,
der ihn grenzenlos liebt.

Frei ist der Mensch, der zu allen offen ist, weil er alle
in sein Herz geschlossen hat.

Frei ist der Mensch,
der jenseits der Wunder lebt:
der österliche Mensch.